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Gesundheitsmarkt im Umbruch
Die Ausgaben für Gesundheit machen rund 15% des Bruttoinlandsproduktes aus. Der Gesundheitsmarkt gehört damit zu den größten Märkten in Deutschland. Medizinischer Fortschritt, die demografische Entwicklung und ein verändertes Gesundheitsbewusstsein der Menschen werden auch künftig für dynamisches Wachstum sorgen. Gleichzeitig öffnet sich die Schere zwischen Kosten und Nutzen immer weiter. Reformen in Richtung mehr Wettbewerb sind unumgänglich. Vor allem der Pflegemarkt steht vor gewaltigen Veränderungen.
Erhebliches Potenzial
Die Gesundheitsbranche gehört zu den größten Märkten. Sie wird seit Jahren von dynamischem Wachstum geprägt, das sich auch in Zukunft fortsetzen wird. Die Branche ist gleichzeitig ein schwerfälliger Markt mit stark verkrusteten Strukturen. Der Staat als Hauptakteur überlässt die Steuerung des Gesundheitswesens einem Dickicht von Gesetzen und Rechtsvorschriften. Das mit Reglementierungen überfrachtete System wird den wachsenden Anforderungen auf Dauer nicht standhalten. Mangelnde Effizienz und zunehmender Kostendruck werden in kommenden Jahren durchgreifende Reformen notwendig machen und den Gesundheitsmarkt in Richtung mehr Wettbewerb verändern. In den vergangenen 40 Jahren hat sich der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland von rund 5% auf knapp 15% mehr als verdreifacht. Das Gesamtvolumen beträgt rund 250 Mrd. €.
Der Dienstleistungsbereich Gesundheitsvorsorge ist zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige herangewachsen. Für amulante, stationäre und teilstationäre Versorgung wurden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2004 knapp 200 Mrd. Euro ausgegeben. Allein der Pflegemarkt hat ein Volumen von rund 27 Mrd. Euro. In rund 12.000 Einrichtungen stehen den Patienten 1,5 Mio. Betten zur Verfügung; davon 750.000 Betten in Pflegeeinrichtungen, 565.000 in Akutkrankenhäusern und 190.000 in Rehabilitationskliniken. Im Krankenhaus- und Pflegewesen wird der Markt von öffentlichen und gemeinnützigen Trägern beherrscht. Ihr Marktanteil liegt bei mehr als 70%. Lediglich im Bereich Rehabilitation dominieren private Träger mit einem Anteil von 61%.
Der Reformdruck steigt
Das rasante Wachstum der Ausgaben für Gesundheit ist mit eklatanten Beitragssteigerungen verbunden gewesen. Das hat die Kostendämpfung in den Fokus der Gesundheitspolitik gerückt. Die zahlreichen Maßnahmen zur Senkung der Lohnnebenkosten und zur Minderung staatlicher Ausgaben haben die Dynamik aber nur zeitweise abgebremst. Alles deutet darauf hin, dass sich die wirtschaftlichen Probleme im Gesundheitswesen noch verschärfen werden. Die Medizin steigert kontinuierlich die Leistungsfähigkeit und verlängert die Lebenserwartung. Zugleich führt der demografische Wandel zu einer steigenden Zahl von älteren Patienten. Auf der anderen Seite höhlt der Rückgang der Zahl der Erwerbstätigen die Einnahmebasis der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Im Ergebnis laufen medizinischer Fortschritt, die Leistungsanforderungen und die Finanzierungsmöglichkeiten diametral auseinander.
Die zunehmende Kosten-Nutzen-Diskrepanz erhöht den Reformdruck im Gesundheitswesen. Die finanzielle Situation der öffentlichen Haushalte bewirkt, dass vor allem die kommunalen Träger nicht in der Lage sein werden, die erforderlichen Investitionen zu tätigen, zu denen sie gesetzlich verpflichtet sind. Fachleute gehen von einem bereits bestehenden Investitionsstau von rund 60 Mrd. € aus. Es wird in Zukunft nicht mehr möglich sein, Einrichtungen des Gesundheitsmarktes ohne objektive, strukturierte und kontinuierlich betriebswirtschaftliche Steuerungselemente zu betreiben. Die Konsequenzen sind programmiert: Zum einen wird sich der Staat zunehmend vom Markt zurückziehen und nur noch den Rahmen vorgeben. Zum anderen wird privates Kapital eine immer stärkere Rolle auf dem Gesundheitsmarkt spielen. Die Fähigkeit, Kapital zur Deckung des Investitionsbedarfs zu generieren, wird den Wettbewerb im Gesundheitswesen künftig entscheidend mitbestimmen. Die bereits anrollende Privatisierungswelle in den Segmenten Akutkrankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Rehabilitationskliniken wird sich in Zukunft erheblich verstärken.
Pflegemarkt vor großen Herausforderungen
Deutschland wird grau
Der Pflegemarkt wird in den kommenden Jahren stark wachsen, wobei die Dynamik wesentlich von drei Faktoren bestimmt wird. Wachstumstreiber ist zum einen die demografische Entwicklung, die zu einer zunehmenden Überalterung der Bevölkerung führt. Die steigende Zahl der alten Menschen bei gleichzeitig sinkender Geburtenrate stellt die Alterspyramide auf den Kopf. Die Lebenserwartung hat sich in den letzten 100 Jahren um etwa 30 Jahre auf 75 Jahre für Männer und 81 Jahre für Frauen erhöht. Fachleute schätzen, dass sie sich bis zum Jahr 2050 bei Männern auf 81 Jahre und bei Frauen auf 87 Jahre erhöht. Die Folge wird sein, dass bis 2050 die Zahl der Menschen, die 80 Jahre und älter sind, um 4,9 Mio. auf 9,1 Mio. steigt und die der über 90-Jährigen sich auf über zwei Millionen vervierfacht. Ungeachtet der deutlichen Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands der Bevölkerung werden immer mehr Pflegeleistungen nachgefragt. Dies ist in dem Wandel unserer Gesellschaft begründet, der geprägt wird von immer mehr Single-Haushalten, kleineren Familien, steigender Erwerbstätigkeit der Frauen und Lösung des traditionellen Familienzusammenhalts.
Zum anderen ändern sich das Gesundheitsbewusstsein und das Selbstverständnis der Bevölkerung. Altern wird als eigenständige Lebensphase verstanden, in die die Menschen mündig und selbstbewusst eintreten. Mit steigendem Lebensstandard wächst die Bereitschaft zu mehr Ausgaben für die Gesundheit und steigt die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Leistungen in der Altenpflege. Die Menschen erwarten zunehmend mehr Wohnkomfort und individuelle Betreuung. "Altern in Würde" bestimmt die Rahmenbedingungen am Pflegemarkt. Mit verschärften Anforderungen an die Pflegequalität und einer Stärkung der Verbraucherschutzrechte hat der Staat gesetzlich der Gefahr einen Riegel vorgeschoben, dass Heime zu "Verwahranstalten" verkommen.
Schließlich löst die angestrengte Finanzsituation der Sozialkassen und der öffentlichen Haushalte einen verstärkten Kostendruck aus. Das Kosten-Leistungs-Verhältnis gewinnt an Bedeutung und wird zu einem entscheidenden Wettbewerbsparameter im Pflegemarkt. Zunehmende Spezialisierung, die Schaffung wirtschaftlicher und funktionaler Einheiten sowie die verstärkte Nutzung von Synergien durch die Bündelung von Dienstleistungen werden zwingend, um am Markt bestehen zu können.
Hoher Bedarf an neuen Betten
Die Zahl der Pflegeleistungsempfänger wird nach einer Prognose des DIW bis zum Jahr 2020 um mehr als 50% steigen. Damit geht eine Veränderung der Struktur der Pflegebedürftigkeit signifikant in Richtung Schwer- und Schwerstpflegebedürftigkeit. In Folge wird sich der stationäre Versorgungs-und Betreuungsbedarf dynamischer entwickeln als die Zahl der Pflegebedürftigen. Die demografische Entwicklung wird in den kommenden Jahren mindestens 300.000 weitere Pflegeplätze erforderlich machen.
Parallel steigt die Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Leistung. Der Trend geht zu Einzelzimmern mit anspruchsvollem Wohnkomfort. Gegenwärtig sind rund zwei Drittel der vorhandenen 750.000 Pflegebetten Plätze in Drei- und Mehrbettzimmern. Das Auseinanderklaffen von Angebotsstruktur und Bedürfnissen der Menschen wird einen weiteren Bedarf von 250.000 Betten erzeugen. Beide Entwicklungen erfordern in den nächsten Jahrzehnten Investitionen von mehr als 50 Mrd. €. Dieses Volumen ist ohne privates Kapital nicht zu finanzieren. Fachleute schätzen, dass die Zahl der privaten Betten bis zum Jahr 2050 auf mehr als 800.000 steigen wird; das entspricht einem Wachstum des Privatmarktes in einer Größenordnung von knapp 80 Mrd. €.
Pflegeimmobilien im Spannungsfeld von Finanzierung und Führung
Der Kapitalfluss aus dem privaten Sektor, der angesichts leerer öffentlicher Kassen zwingend notwendig ist, setzt voraus, dass die Immobilien den veränderten Ansprüchen ihrer Bewohner gerecht werden. Kennzeichnend für den Senioren-Immobilienmarkt ist derzeit eine deutliche Zurückhaltung der Investoren. Die allgemeine Schwäche der Kapitalmärkte und medienträchtige Insolvenzen im Immobilienbereich haben den Blick kritischer werden lassen. Die Anforderungen an alle Partner bei der sehr komplexen Projektentwicklung einer Sozialimmobilie sind deutlich gestiegen. Die bevorstehende Einführung der Basel II-Regularien nimmt zusätzlichen Einfluss auf die Durchführung von Immobilienprojekten. Die Erwartung steigender Kernkapitalunterlegung erhöht die Prüfkriterien für ein potenzielles Engagement.
Marktbeobachter räumen dem Senioren-Immobilienmarkt dennoch große Chancen ein. Der Anteil von Problemfällen, die den Markt in ein schiefes Licht gebracht haben, liegt im einstelligen Bereich. In Deutschland werden mehr als 60 Mio. m² für sozialmedizinische Einrichtungen genutzt. Für fast ein Drittel besteht erheblicher Investitions- oder Reinvestitionsbedarf. Das Potenzial des Marktes drückt sich auch darin aus, dass die Auslastung der Häuser ungeachtet noch immer vorhandener Drei-und Vierbettzimmer oberhalb von 95% liegt. Experten halten bei Betreibern mit solider und vernünftiger Planung Umsatzrenditen zwischen 6 und 7% für realistisch. Entscheidend für Investoren sind der Nachweis einer stringenten Geschäftspolitik durch beständiges Wachstum sowie Zukunftstauglichkeit mit neuen und attraktiven Konzepten.
Rehabilitation im Umbruch
Markt im Zeichen von Fallpauschalen
Der Rehabilitationsmarkt wird im Bereich der Psychosomatik im Gegensatz zum Pflegemarkt erheblich von konjunkturellen Rahmenbedingungen beeinflusst. Die Versicherungsträger betreiben vor dem Hintergrund arbeitsmarktbedingt rückläufiger Einnahmen eine verhaltende Vergabepolitik. Aus Angst um den Arbeitsplatz werden weniger Reha-Anträge seitens der Versicherten gestellt. Dem entgegengesetzt verläuft die Entwicklung des Bedarfs an medizinischer Rehabilitation. Auf Grund der gesellschaftspolitischen und sozialen Veränderungen werden immer mehr Menschen psychisch krank. Die unterbliebene Behandlung dieser Menschen führt auf lange Sicht zu hohen Mehrkosten..
Generell befinden sich die Anbieter am Gesundheitsmarkt unter erhöhtem Leistungs- und Kostendruck, der letztendlich die Privatisierung im Akut- und Reha-Bereich vorantreibt. Maßgeblich wird diese Entwicklung in der Somatik von der Einführung der Fallpauschalen bestimmt. Dieses Festpreissystem, die so genannten DRGs (Diagnosis Related Groups), schafft einen Anreiz für größere Effizienz und steigert den Wettbewerb unter den Akutkrankenhäusern. Eine Vergütung von Gesundheitsleistungen zu einem festen Preis, der sich aus den durchschnittlichen Behandlungskosten ableitet, zwingt zu stärkerer Kostenorientierung.
Leistungsstarke Rehabilitationskliniken profitieren von dem steigenden Kostendruck, da die Patienten schneller als bisher in die Anschlussbehandlung überwiesen werden. Diese Reha-Anbieter können auch eine fachlich schwierigere postoperative Behandlung auf niedrigerem Kostenniveau als das Krankenhaus sicherstellen. Für sie wird somit die Kooperationsfähigkeit mit Akutkrankenhäusern neben Qualität, günstigem Preis-Leistungsverhältnis, passendem Standort, Mitarbeiterfortbildung und Kapitalstärke zunehmend zum Erfolgskriterium.
In der Psychosomatik ist bis Ende 2006 eine Gesundschrumpfung des Marktes zu erwarten, die den verbliebenen Einrichtungen neue Möglichkeiten zu profitablem Wirtschaften bieten wird. |
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